Leseprobe
Das Vermächtnis des Karsten Andreesen
von Anna Asmuth-Classen______________________________________________________________________
Als Jan vom Begräbnis seines Vaters in das große, leere Haus zurückkehrte, wurde ihm zum ersten Mal wirklich bewusst, dass er nun ganz allein auf der Welt war.
Seine Mutter war schon vor Jahren verstorben, und jetzt war sein Vater mit achtzig ebenfalls friedlich eingeschlafen. Jan hatte keine Geschwister mehr, denn noch bevor er geboren wurde, war sein älterer Bruder als Siebzehnjähriger einem Asthmaanfall erlegen. Er trug dessen Namen, Jan-Karsten, und hatte sich Zeit seines Lebens als Ersatzmann gefühlt.
Und nun stand er im Wohnzimmer seines Elternhauses, welches er gemeinsam mit seinem Vater bewohnt hatte, und starrte durch die großen Panoramafenster in den gepflegten Garten hinaus. Karsten Andreesen hatte die Import-Export-Firma seiner Vorväter mit großem Erfolg weitergeführt und ausgebaut und seinem Sohn vor zwei Jahren übergeben, als Jan – der zweite Jan achtundzwanzig gewesen war.
Und nun stand er im Wohnzimmer seines Elternhauses, welches er gemeinsam mit seinem Vater bewohnt hatte, und starrte durch die großen Panoramafenster in den gepflegten Garten hinaus. Karsten Andreesen hatte die Import-Export-Firma seiner Vorväter mit großem Erfolg weitergeführt und ausgebaut und seinem Sohn vor zwei Jahren übergeben, als Jan – der zweite Jan achtundzwanzig gewesen war.
Es hatte Jan nie an etwas gefehlt, er hatte alles gehabt, was ein Junge sich nur wünschen konnte. Dennoch hatte ihn immer das Gefühl verfolgt, nicht zu genügen, im Schatten seines toten Bruders zu leben und mit diesem verglichen zu werden.
Seine Mutter war ja bereits siebenundvierzig Jahre alt gewesen, als er geboren wurde, sein Vater fünfzig. Andere Paare wurden in diesem Alter Großeltern, daher hatte er seine Eltern zwar als geduldig, aber auch als sehr streng erlebt. Unbeschwerte Fröhlichkeit kannte er von beiden nicht, über ihnen hatte stets ein Anflug von Melancholie gelegen. Vermutlich war der Tod seines Bruders der Grund dafür gewesen.
Jan seufzte leise und setzte sich an den repräsentativen Schreibtisch seines Vaters. Irgendwann musste er ohnehin damit anfangen, ihn leer zu räumen und unerledigte Dinge in die Hand zu nehmen, warum also nicht gleich?
Er öffnete sämtliche Schubladen und die beiden Türen und fand darin stapelweise Unterlagen. Es würde Tage dauern, das alles durchzugehen. Hinter einer der Türen befand sich der kleine Tresor mit dem Zahlenschloss. Beim dritten Versuch – dem Todestag seines Bruders – hatte er Erfolg und die Tür sprang auf.
Jan seufzte leise und setzte sich an den repräsentativen Schreibtisch seines Vaters. Irgendwann musste er ohnehin damit anfangen, ihn leer zu räumen und unerledigte Dinge in die Hand zu nehmen, warum also nicht gleich?
Er öffnete sämtliche Schubladen und die beiden Türen und fand darin stapelweise Unterlagen. Es würde Tage dauern, das alles durchzugehen. Hinter einer der Türen befand sich der kleine Tresor mit dem Zahlenschloss. Beim dritten Versuch – dem Todestag seines Bruders – hatte er Erfolg und die Tür sprang auf.
Es gab nicht viel zu entdecken, lediglich ein paar Schriftstücke und Fotos lagen vor ihm. Und ein Brief, auf dem Jans Name stand. Er zog das Blatt aus dem Umschlag und las:
„Mein lieber Junge!
Wenn Du dies liest, werde ich nicht mehr dasein. Auch wenn Du es wohl nicht immer so empfunden haben magst, warst Du uns stets eine Freude und unser Sonnenschein. Dank Dir hatte unser Leben wieder einen Sinn.
Warum dies so ist, wirst Du unschwer erraten können. Doch liegen die Dinge anders, als Du vielleicht annimmst. Ich biete Dir die Möglichkeit, mehr darüber zu erfahren. Dazu musst Du nach Amrum reisen und nach einer Frau fragen, die zu dem Zeitpunkt, als wir Deinen Bruder verloren, Ruth Matthiesen hieß und in Süddorf lebte.
Sie wird Dir berichten können, was damals geschah.
Falls Du diese Möglichkeit nicht nutzt, wird sich nichts für Dich ändern. Doch falls Du es tust, wirst Du vieles besser verstehen und einordnen können.
Warum dies so ist, wirst Du unschwer erraten können. Doch liegen die Dinge anders, als Du vielleicht annimmst. Ich biete Dir die Möglichkeit, mehr darüber zu erfahren. Dazu musst Du nach Amrum reisen und nach einer Frau fragen, die zu dem Zeitpunkt, als wir Deinen Bruder verloren, Ruth Matthiesen hieß und in Süddorf lebte.
Sie wird Dir berichten können, was damals geschah.
Falls Du diese Möglichkeit nicht nutzt, wird sich nichts für Dich ändern. Doch falls Du es tust, wirst Du vieles besser verstehen und einordnen können.
In Liebe
Karsten Andreesen
PS: Es hat keinen Sinn, unseren Anwalt deswegen zu konsultieren. Er hat strikte Anweisung, Dir nichts zu sagen, solange Du nicht mit Ruth Matthiesen gesprochen hast.“
Dabei lag eine leicht vergilbte Fotografie, die ihn an seinem ersten Schultag zeigte, an der Hand einer jungen Frau, die mit trauriger Miene in die Kamera blickte. Auf der Rückseite stand „Jan-Karsten und Ruth Matthiesen, 8. August 1983“.
Er konnte sich lebhaft an diese Frau erinnern, die aber nach seiner Einschulung nie wieder aufgetaucht war. Seine Fragen nach ihr waren immer unbeantwortet geblieben. Wer war sie und was hatte sie mit seiner Vergangenheit zu tun? Seine Neu-gier war geweckt.
Ruth Hannsen reichte dem Gast seinen Zimmerschlüssel und blickte wieder auf die Todesanzeige in Die Welt.
Karsten Andreesen war gestorben, im Alter von achtzig Jah-ren. Unwillkürlich dachte sie gleich darauf an Jan-Karsten, nur einen Moment lang, in dem die ganze Sehnsucht und Trauer von damals wiederkamen. Doch das war dreißig Jahre her. Jetzt war auch der alte Herr tot und mit ihm würde die Vergangenheit nun sicher endgültig ruhen.
Ihre Tochter Kirsten kam zur Tür herein, frisch und munter wie immer. Sie war eine Augenweide und ihrem viel zu früh verstorbenen Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Ruth blätterte ohne Hast die Zeitung um. Nur keine schlafenden Hunde wecken!
„Hallo, Muddi!“ sagte Kirsten und küsste ihre Mutter herzhaft auf die Wange.
„Ach, Kinning, lass das doch“, bat Ruth leicht pikiert. „Wenn nun Gäste kommen!“
„Ach, Muddi, mach man nicht immer so’n Gedöns“, wischte Kirsten den Einwand beiseite. „Ich bin bloß so froh, wieder hier zu sein.“
„Ich auch, mein Kind!“ sagte Ruth lächelnd und legte einen Arm um die schmale Taille ihrer Tochter.
„Ich war auf dem Friedhof“, plapperte Kirsten weiter. „Papas Grab sieht hübsch aus.“
„Ich habe ja genug Zeit, mich darum zu kümmern.“
Kirsten schwieg einen Moment, dann fragte sie schüchtern: „Wann besuchst du mich mal in Hamburg?“
„Ach, Kinning, ich kann hier doch nicht weg. Wer soll sich denn um alles kümmern, wenn ich nicht da bin?“
„Gerade hast du noch gesagt, du hättest genug Zeit...“ begehrte Kirsten auf, doch Ruth entgegnete: „Zeit hätte ich schon, aber ich kann die Pension ja nicht solange zuschließen.“
Seit damals war sie nicht mehr in Hamburg gewesen, hatte sich strikt geweigert, einen Fuß in diese Stadt zu setzen. Kirsten machte gerade ihre Ausbildung dort, und es wäre sicher interessant gewesen, sie dort zu besuchen und zu sehen, wie sich die Stadt in den letzten fünfundzwanzig Jahren verändert hatte. Doch mit Hamburg verband Ruth nicht nur gute Erinnerungen. Einige der schlimmsten Augenblicke ihres Lebens hatte sie dort erlebt. Vielleicht wartete etwas davon auf sie. Für alles, was hier nicht zu bekommen war, reichte ihr sowieso ein Einkauf in Husum oder Heide.
„Ach, Muddi, du versauerst noch auf dieser Insel“, seufzte Kirsten.
„Lass man, Kinning, das ist schon alles gut so.“
„Nee, Muddi, das ist es nicht!“ widersprach Kirsten vehement. „Du bist erst fünfundvierzig, da könntest du noch mal einen Mann finden.“
„Ich will aber keinen anderen!“ sagte Ruth nachdrücklich. „Dein Vater ist nicht zu ersetzen.“
Kirsten schüttelte den Kopf. „Muddi, dir ist einfach nicht zu helfen."
„Ich muss am Wochenende nach Amrum“, sagte Jan beim Essen zu Caren, seiner Freundin.
„Nach Amrum?“ fragte sie irritiert. „Und warum?“
„Nichts Wichtiges. Nur eine Familienangelegenheit“, wich er einer direkten Antwort aus, ohne von seinem Teller aufzublicken.
„Eine Familienangelegenheit?“ Da er nicht antwortete, fuhr sie leicht gereizt fort: „Also eine Familienangelegenheit, soso.“
Dann setzte sie verärgert hinzu: „Sag mal, ist dir eigentlich bewusst, dass du mich konsequent aus deinem Leben ausschließt?“
„Ich schließe dich nicht aus...“ sagte er lahm, aber sie fuhr unbeirrt fort: „Doch, das tust du! Ich kannte deinen Vater kaum, weil du mich nur sporadisch mit zu dir nach Hause genommen hast, und jetzt wolltest du mich noch nicht mal bei der Beerdigung dabei haben. Du erzählst auch nie von dir oder deinen Eltern. Im Grunde kenne ich dich überhaupt nicht!“
„Da gibt es auch nicht viel zu erzählen“, versuchte er, sich zu verteidigen. „Und über meinen Vater weißt du doch alles. Den kannte ja jeder!“
Caren blickte ihn enttäuscht an. „Du willst mich nicht verste-hen, nicht wahr?“
Er musterte sie fragend und sagte unsicher: „Ich weiß nicht, was du von mir erwartest.“
„Offenheit!“ antwortete Caren wie aus der Pistole geschossen. „Ich will hinter die Fassade des gut aussehenden, erfolgreichen Juniorchefs blicken können. Ich will wissen, wer dieser Jan-Karsten Andreesen wirklich ist, was ihn bewegt, was er denkt und fühlt. Ich weiß praktisch nichts von dir, außer deinem Geburtsdatum!“
„Du weißt doch, dass ich dich liebe!“
„Tust du das? Du sagst es mir ja nie, woher soll ich es dann wissen!?“ stellte sie zornig fest.
Sie war immer ganz besonders schön, wenn sie zornig war. Er konnte sich glücklich schätzen, eine der erotischsten, anziehendsten Frauen Hamburgs als seine Freundin bezeichnen zu dürfen. Sie war mittelgroß, schlank, hatte wundervolles langes, dunkles Haar und grüne Katzenaugen. Und sie war auch genauso temperamentvoll und unberechenbar wie eine Katze.
Was sie wieder einmal damit bewies, dass sie die Serviette auf den Tisch warf und sagte: „Ich werde jetzt gehen! Ich brauche Zeit, um über uns nachzudenken. So wie bisher geht es jedenfalls nicht weiter. Als Schmuckstück herumgezeigt hast du mich lange genug. Wenn du weißt, was du willst, und bereit bist, mit mir darüber zu reden, kannst du dich ja melden!“ Sie griff nach ihrer Handtasche und erhob sich von ihrem Stuhl.
Er machte nicht den Versuch, sie aufzuhalten. Das würde sich schon wieder einrenken!
Ruth holte die sorgsam gehütete kleine Holzkiste aus ihrem Versteck im Schrank und öffnete den Deckel. Zuoberst lag ein Namensbändchen aus dem Krankenhaus, mit dem Neugeborene kenntlich gemacht wurden. „Matthiesen“ stand darauf. Dann holte sie die Fotos heraus, Fotos eines hübschen jungen Mannes mit lockigem, hellbraunem Haar und braunen Augen. Und dann hielt sie andere in der Hand, die sie mit einem Baby zeigten, das von Foto zu Foto immer größer wurde und schließlich mit Ranzen und Schultüte neben ihr stand. Das war das letzte Foto von ihr und dem kleinen Jan-Karsten, Karsten und Mareike Andreesens Sohn. Sie hatte am gleichen Tag das Haus in Blankenese verlassen und es seitdem nicht mehr betreten.
Und jetzt war Karsten Andreesen seiner Frau Mareike gefolgt und die Vergangenheit würde für immer vergessen sein. Außer ihr wusste niemand sonst auf dieser Welt, was damals geschehen war. Mit einem Seufzer legte sie alles wieder zurück und die sorgfältig ausgeschnittene Todesanzeige aus der Zeitung dazu.
Doch es wollte sich einfach kein Gefühl der Erleichterung einstellen, nur Trauer. Trauer über ein verlorenes Leben.
Er konnte sich lebhaft an diese Frau erinnern, die aber nach seiner Einschulung nie wieder aufgetaucht war. Seine Fragen nach ihr waren immer unbeantwortet geblieben. Wer war sie und was hatte sie mit seiner Vergangenheit zu tun? Seine Neu-gier war geweckt.
Ruth Hannsen reichte dem Gast seinen Zimmerschlüssel und blickte wieder auf die Todesanzeige in Die Welt.
Karsten Andreesen war gestorben, im Alter von achtzig Jah-ren. Unwillkürlich dachte sie gleich darauf an Jan-Karsten, nur einen Moment lang, in dem die ganze Sehnsucht und Trauer von damals wiederkamen. Doch das war dreißig Jahre her. Jetzt war auch der alte Herr tot und mit ihm würde die Vergangenheit nun sicher endgültig ruhen.
Ihre Tochter Kirsten kam zur Tür herein, frisch und munter wie immer. Sie war eine Augenweide und ihrem viel zu früh verstorbenen Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Ruth blätterte ohne Hast die Zeitung um. Nur keine schlafenden Hunde wecken!
„Hallo, Muddi!“ sagte Kirsten und küsste ihre Mutter herzhaft auf die Wange.
„Ach, Kinning, lass das doch“, bat Ruth leicht pikiert. „Wenn nun Gäste kommen!“
„Ach, Muddi, mach man nicht immer so’n Gedöns“, wischte Kirsten den Einwand beiseite. „Ich bin bloß so froh, wieder hier zu sein.“
„Ich auch, mein Kind!“ sagte Ruth lächelnd und legte einen Arm um die schmale Taille ihrer Tochter.
„Ich war auf dem Friedhof“, plapperte Kirsten weiter. „Papas Grab sieht hübsch aus.“
„Ich habe ja genug Zeit, mich darum zu kümmern.“
Kirsten schwieg einen Moment, dann fragte sie schüchtern: „Wann besuchst du mich mal in Hamburg?“
„Ach, Kinning, ich kann hier doch nicht weg. Wer soll sich denn um alles kümmern, wenn ich nicht da bin?“
„Gerade hast du noch gesagt, du hättest genug Zeit...“ begehrte Kirsten auf, doch Ruth entgegnete: „Zeit hätte ich schon, aber ich kann die Pension ja nicht solange zuschließen.“
Seit damals war sie nicht mehr in Hamburg gewesen, hatte sich strikt geweigert, einen Fuß in diese Stadt zu setzen. Kirsten machte gerade ihre Ausbildung dort, und es wäre sicher interessant gewesen, sie dort zu besuchen und zu sehen, wie sich die Stadt in den letzten fünfundzwanzig Jahren verändert hatte. Doch mit Hamburg verband Ruth nicht nur gute Erinnerungen. Einige der schlimmsten Augenblicke ihres Lebens hatte sie dort erlebt. Vielleicht wartete etwas davon auf sie. Für alles, was hier nicht zu bekommen war, reichte ihr sowieso ein Einkauf in Husum oder Heide.
„Ach, Muddi, du versauerst noch auf dieser Insel“, seufzte Kirsten.
„Lass man, Kinning, das ist schon alles gut so.“
„Nee, Muddi, das ist es nicht!“ widersprach Kirsten vehement. „Du bist erst fünfundvierzig, da könntest du noch mal einen Mann finden.“
„Ich will aber keinen anderen!“ sagte Ruth nachdrücklich. „Dein Vater ist nicht zu ersetzen.“
Kirsten schüttelte den Kopf. „Muddi, dir ist einfach nicht zu helfen."
„Ich muss am Wochenende nach Amrum“, sagte Jan beim Essen zu Caren, seiner Freundin.
„Nach Amrum?“ fragte sie irritiert. „Und warum?“
„Nichts Wichtiges. Nur eine Familienangelegenheit“, wich er einer direkten Antwort aus, ohne von seinem Teller aufzublicken.
„Eine Familienangelegenheit?“ Da er nicht antwortete, fuhr sie leicht gereizt fort: „Also eine Familienangelegenheit, soso.“
Dann setzte sie verärgert hinzu: „Sag mal, ist dir eigentlich bewusst, dass du mich konsequent aus deinem Leben ausschließt?“
„Ich schließe dich nicht aus...“ sagte er lahm, aber sie fuhr unbeirrt fort: „Doch, das tust du! Ich kannte deinen Vater kaum, weil du mich nur sporadisch mit zu dir nach Hause genommen hast, und jetzt wolltest du mich noch nicht mal bei der Beerdigung dabei haben. Du erzählst auch nie von dir oder deinen Eltern. Im Grunde kenne ich dich überhaupt nicht!“
„Da gibt es auch nicht viel zu erzählen“, versuchte er, sich zu verteidigen. „Und über meinen Vater weißt du doch alles. Den kannte ja jeder!“
Caren blickte ihn enttäuscht an. „Du willst mich nicht verste-hen, nicht wahr?“
Er musterte sie fragend und sagte unsicher: „Ich weiß nicht, was du von mir erwartest.“
„Offenheit!“ antwortete Caren wie aus der Pistole geschossen. „Ich will hinter die Fassade des gut aussehenden, erfolgreichen Juniorchefs blicken können. Ich will wissen, wer dieser Jan-Karsten Andreesen wirklich ist, was ihn bewegt, was er denkt und fühlt. Ich weiß praktisch nichts von dir, außer deinem Geburtsdatum!“
„Du weißt doch, dass ich dich liebe!“
„Tust du das? Du sagst es mir ja nie, woher soll ich es dann wissen!?“ stellte sie zornig fest.
Sie war immer ganz besonders schön, wenn sie zornig war. Er konnte sich glücklich schätzen, eine der erotischsten, anziehendsten Frauen Hamburgs als seine Freundin bezeichnen zu dürfen. Sie war mittelgroß, schlank, hatte wundervolles langes, dunkles Haar und grüne Katzenaugen. Und sie war auch genauso temperamentvoll und unberechenbar wie eine Katze.
Was sie wieder einmal damit bewies, dass sie die Serviette auf den Tisch warf und sagte: „Ich werde jetzt gehen! Ich brauche Zeit, um über uns nachzudenken. So wie bisher geht es jedenfalls nicht weiter. Als Schmuckstück herumgezeigt hast du mich lange genug. Wenn du weißt, was du willst, und bereit bist, mit mir darüber zu reden, kannst du dich ja melden!“ Sie griff nach ihrer Handtasche und erhob sich von ihrem Stuhl.
Er machte nicht den Versuch, sie aufzuhalten. Das würde sich schon wieder einrenken!
Ruth holte die sorgsam gehütete kleine Holzkiste aus ihrem Versteck im Schrank und öffnete den Deckel. Zuoberst lag ein Namensbändchen aus dem Krankenhaus, mit dem Neugeborene kenntlich gemacht wurden. „Matthiesen“ stand darauf. Dann holte sie die Fotos heraus, Fotos eines hübschen jungen Mannes mit lockigem, hellbraunem Haar und braunen Augen. Und dann hielt sie andere in der Hand, die sie mit einem Baby zeigten, das von Foto zu Foto immer größer wurde und schließlich mit Ranzen und Schultüte neben ihr stand. Das war das letzte Foto von ihr und dem kleinen Jan-Karsten, Karsten und Mareike Andreesens Sohn. Sie hatte am gleichen Tag das Haus in Blankenese verlassen und es seitdem nicht mehr betreten.
Und jetzt war Karsten Andreesen seiner Frau Mareike gefolgt und die Vergangenheit würde für immer vergessen sein. Außer ihr wusste niemand sonst auf dieser Welt, was damals geschehen war. Mit einem Seufzer legte sie alles wieder zurück und die sorgfältig ausgeschnittene Todesanzeige aus der Zeitung dazu.
Doch es wollte sich einfach kein Gefühl der Erleichterung einstellen, nur Trauer. Trauer über ein verlorenes Leben.
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