Leseprobe
Der Novize der Ewigkeit
von Wolfgang Rosen______________________________________________________________________
Jetzt war er tot. Seit wann genau, wusste er nicht. Aber Zeit hatte für ihn auch keine Bedeutung mehr. Er hatte lange gekämpft gegen die schwere Viruserkrankung und gegen die Lungenembolie. Ungefähr 28 Stunden. Dann hatte er ein Einsehen mit sich. Der Gedanke war spät gekommen, aber als er einmal gedacht war, nahm er in seinem Kopf konkrete Formen an. Endlich das Ganze hinter sich lassen. Geile Vorstellung! Er ließ sein Leben Revue passieren. Seine Schulzeit, das Gespräch mit seiner Mutter wegen der Gitarre, die Fahrt mit seinem Vater zum Nordkap. Dann machte er es kurz. Er sagte Tschüss, schloss die Augen und lächelte. Das Lächeln schenkte er allen da draußen, besonders denjenigen, die ihn noch einmal sehen wollten.
Sein Ableben hatte für
einen ganz schönen Wirbel gesorgt. Das hatte er so nicht bedacht.
Warum auch? Er schwirrte etwas planlos durch die Gegend. Seine Eltern
waren mit seinen persönlichen Sachen und mit seiner Beerdigung
ziemlich beschäftigt. Den beiden machte er viel Arbeit. Aber das war
auch in Ordnung, so kamen sie über die ersten Tage der Trauer
hinweg. Dann ließ er sich im wahrsten Sinne des Wortes auf dem
Balkon von Susanne, einer Schulfreundin, nieder. Sie saß lesend auf
der Couch. Plötzlich sah sie auf, erschrak kurz und lachte ihn an.
Sie sprach sogar mit ihm. Hatte er da was falsch gemacht? Er wollte
sich doch gar nicht zu erkennen geben.
Von dem Schreck musste Jo sich erholen. Er verkroch sich in die schottischen Highlands und fragte sich zum ersten Mal, wer seine jenseitigen Lehrmeister waren? Er wusste im Grunde überhaupt sich vom Jenseits. Er fühlte sich, wie ein Lehrling, der zum ersten Arbeitstag aufbrach.
Als Mensch hatte er immer gedacht, wenn es etwas wie den Himmel und das Jenseits geben sollte, dann wäre man in der Sekunde des Todes völlig im Bilde. Mit nichten. Es war anders. Wie, dass sollte und wollte er erfahren. Jo ließ seinen Gedanken freien Lauf und dachte an sein Lieblingsinstrument.
„Clever war das damals von Mum, als sie mich, den zwölfjährigen Stöpkes, dazu ermunterte bis zum nächsten Weihnnachten ein Lied einzustudieren. Sollte es funktionieren bekäme ich eine eigene Gitarre geschenkt und dazu noch Unterricht. Es hatte funktioniert. Danke, Mum.“
Dann verweilte er noch einem Moment am Nordkap, wie damals, vor drei Jahren mit seinem Vater. „Paps, das war klasse. Danke“. Er hatte die Tour klar vor sich. Wie ein Reisetagebuch, dass er nur aufschlagen brauchte, ließ er die zwölf Tage wie einen Film ablaufen. Zu Lebzeiten hatte er dieser Fahrt einen Titel gegeben: „Dem Nordlicht entgegen“.
Tag 1 und 2, 27./ 28. April 2004
Alsdorf - Kiel - Oslo
Sie waren jetzt hinter Bremen und fuhren im Intercity über Hamburg Richtung Kiel.
„Scheiße, was machst Du hier eigentlich? Was hat dich geritten, diese Reise zu machen?“
Jo hätte sich ohrfeigen können. Er und sein Alter auf einer Tour zum Nordkap. Das konnte nicht gut gehen. Seinen Vater plagten ähnliche Gedanken und Gefühle. Er war nervös. Er hatte Angst. Aber er wollte diese Tour. Unbedingt. Er sah es sozusagen als letzte Chance an, mit seinem Sohn ins Reine zu kommen. Die Organisation entpuppte sich als das erwartete schwierige Unterfangen. An manchen Tagen glaubte er, sein Sohn würde den Plan kippen. Er spürte die Unsicherheit bei ihm und bei sich selber. Trotz aller Bedenken waren sie gestartet. Er beobachtete seinen Sohn, der gegenüber am Fenster saß und leicht schnarchend vor sich hin schlummerte. Jo hatte die Augen geschlossen und sah die Fahrstrecke vor sich.
Letzte Woche saß Jo noch eine ganze Nacht am Rechner und recherchierte die Strecke und viel Wissenswertes im Internet. Er spürte in dieser Nacht die freudige Erregung, wenn er sich die Bilder von dem Postschiff, von Norwegen und dem Nordkap ansah. Er spürte die freudige Erregung, wenn er Berichte von Touristen las, die ihre Reiseerlebnisse und Eindrücke ins Netz gestellt hatten. In die Erregung mischte sich aber immer wieder Zweifel. Seine Gefühlswelt konnte widersprüchlicher nicht sein. Mitten in die Zweifel hinein, fühlte er wieder die Freude. Er wusste, dass er in dieser Nacht keinen Schlaf finden würde, deshalb ging er nicht mehr zu Bett. Er machte sich einen Kaffee, schüttete ihn in eine große Tasse, die mit dem Cover der Bluesband und setzte sich wieder an den Rechner. Sein Computer stand an einem Eckschreibtisch an der Fensterseite seines Wohnzimmers. Durch ein hohes Bücherregal und einer Palme, die in einem Terracotta-Topf stand, war die Arbeitsecke vom Wohnzimmer getrennt. Er liebte diese Ecke. Klein, aber gemütlich.