Leseprobe
Ich bin mal eben tot
von Michael Thelen und Wolfgang Rosen
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Ging es ihm wirklich so schlecht? Er konnte es kaum glauben. Doch Zeit zum Grübeln blieb ihm nicht. Die Krankenwagenbesatzung einschließlich der Notärztin standen kurz darauf neben seinem Bett. Das medizinische Personal besprach die Übergabe. Eine Sauerstoffmaske wurde ihm angelegt. Ehe er es überhaupt richtig realisieren konnte, lag er schon auf der Transporttrage und wurde in den Bauch des Krankenwagens geschoben. Auf dem Kühlergrill des Krankenwagens prangt das Logo einer bekannten schwäbischen Autoschmiede, mit der man für gewöhnlich luxuriöses und komfortables Reisen assoziiert. Von alledem bemerkte Michael aber nichts, als die Karosse mit kraftvoll dröhnendem Motor beschleunigte, zügig das Gelände des Marienhospitals verließ und mit Martinshorn und Blaulicht den Kampf gegen den morgendlichen Aachener Berufsverkehr aufnahm. In rasender Fahrt ging es vom südöstlichen Stadtteil Burtscheid quer durch die Innenstadt zum westlichen Stadtteil Melaten. Er wurde auf der unbequemen Krankentransporttrage hin- und hergeschleudert, während der Fahrer Hindernissen in halsbrecherischem Tempo auswich und Kurven mit einer Geschwindigkeit durchfuhr, die nach seinem Empfinden alles andere als angepasst war. Es hatte schon seinen Sinn, dass man ihn auf der Trage fest verzurrt hatte. Michael wurde immer bewusster, dass er der Grund für diese selbstmörderische Fahrweise war, die einem Kamikaze zur Ehre gereicht hätte. Das machte ihn nervös. Die nette Notärztin schien Gedanken lesen zu können und versuchte, ihn mit einem Gespräch abzulenken. Er vermutete sie wollte so was Beruhigendes sagen, wie: „Machen Sie sich mal keine Sorgen. Die Ärzte im Klinikum sind absolute Profis. Die verstehen ihr Handwerk und kriegen Sie schon wieder hin.“ Der lieb gemeinte Versuch scheiterte bereits im Ansatz kläglich. Er sah zwar, dass sich die Lippen der Ärztin bewegten, konnte aber nur Wortfragmente wahrnehmen. Das Martinshorn verursachte auch im Inneren des Krankenwagens einen höllischen Radau und zusammen mit dem nagelnden Dieselmotor erwies es sich als verschworener Gegner der gepflegten Konversation. Außerdem waren der besorgte Gesichtsausdruck der Ärztin sowie die lautstark und mit nervösem Unterton an den Sanitäter gerichtete Frage, wie lange die Fahrt denn noch dauere, nicht dazu prädestiniert, aufkommende Ängste im Keim zu ersticken. Einen kurzen, verrückten Moment lang setze er sich ernsthaft mit der Frage auseinander, ob es schicklich wäre, wenn er jetzt seinerseits die Ärztin beruhigte. Das ließ er dann doch lieber sein. Er wollte sie auf gar keinen Fall kränken. Dazu war sie einfach zu nett. Den Rest der Fahrt verbrachten sie schweigend. Unmittelbar an der deutsch- niederländischen Grenze, kurz vor der niederländischen Stadt Vaals lag das Ziel der Fahrt. Das Universitätsklinikum glich mit seinen Außenröhren von weitem eher einer Ölraffinerie als einem Krankenhaus.
Im Klinikum angekommen unternahm die Krankenwagenbesatzung den Versuch, den Weltrekord im „Patientenausladen“ und
„Auf-die-richtige-Station-bringen“ zu
pulverisieren. Im Laufschritt ging es durch einen lang gestreckten Gang
in
Richtung Aufzüge. Das Tempo, das die Sanitäter vorlegten, war wirklich
atemberaubend.
"Eine tolle Kondition haben die Jungs. Und auch die Fitness der
Notärztin
ist nicht zu verachten". In Gedanken feuerte Michael sein Team, auf das
er
in diesem Augenblick unheimlich stolz war, mit rhythmischem Klatschen
und
lautem Gegröle an. Er war sich absolut sicher, dass sie gemeinsam den
Rekord
brachen und eine Bestmarke aufstellten, an der sich Generationen
nachfolgender
Krankenwagenbesatzungen und Patienten auf der ganzen Welt die Zähne
ausbeißen
würden. Ein Rekord für die Ewigkeit! Vor seinem geistigen Auge erschien
ein
Denkmal, das man zu Ehren seines Teams im Eingangsbereich des Klinikums
errichtet hatte. Apropos Auge! Sie hatten jetzt einen Teil des
Klinikums
erreicht, der offensichtlich auch von Patienten besiedelt wurde und
dutzende der
zur visuellen Wahrnehmung bestimmten Sinnesorgane starren auf einmal
paarweise
auf Michael herab. Das gefiel ihm nicht. Er fühlte sich unwohl.
Neugierige und
mitleidige Blicke erdrückten ihn beinahe. Andere Augenpaare starrten
auffällig
unauffällig eine Wand an, die nun wirklich nichts Sehenswertes zu
bieten hatte.
Warum? Er hatte keine Chance, sich gegen die Blicke zu wehren. Mit der
Atemmaske vor dem Mund konnte er den Glotzern und
Absichtlich-Auffällig-Wegguckern nicht die Meinung geigen. Gegen die
Intention
seines Zurückglotzens erwiesen sie sich mangels Feinfühligkeit als
resistent.
Also gab er sich geschlagen und starrte Richtung Boden. Dieser war mit
einem
gestreiften Teppichboden in unglaublich abstoßenden Grüntönen belegt.
Der
verantwortliche Innenarchitekt war entweder besoffen oder ein
Hobbypsychologe,
der in einem Fachblättchen von der angeblich beruhigenden Wirkung der
Farbe
„Grün“ gelesen hatte. Michael vermutete er war beides und obendrein
noch total
bekifft. Anders konnte er sich diese Geschmacklosigkeit, die zumindest
bei ihm
den Straftatbestand der Körperverletzung erfüllte, nicht erklären.
Während er
weiter angewidert den Boden betrachtete und noch immer keine
zufriedenstellende Antwort auf die Frage gefunden hatte, welcher Teufel
den Innenarchitekten
wohl geritten hatte, erinnerte er sich an „The Green Mile“. Dieser
Roman von
Stephen King, der mit Tom Hanks in einer der Hauptrollen verfilmt
wurde,
spielte im Hinrichtungstrakt eines amerikanischen Gefängnisses. Der
Flur, auf
dem sich die Todeszellen befanden, war mit einem grünen Bodenbelag
versehen.
Hoffentlich war das kein schlechtes Omen. Aber Bange machen, galt
nicht. Die
Zeit für seinen letzten Vorhang war noch nicht gekommen. Grüne
Fußbodenbeläge
hatten keine metaphorische Bedeutung. Niemals. Es war lediglich der
Nachweis
erbracht, dass der Innenarchitekt des Klinikums auch erfolgreich Horror- und
Fantasygeschichten schreiben könnte.
Also musste er keine Angst vor der Arbeitslosigkeit haben, die einen in seinem
Metier bei extremen farblichen Entgleisungen schnell ereilen konnte. Wie gut,
wenn man ein zweites Standbein hatte. Bevor er weitere abstruse Geschichten zur
Farbe „grün“ ersinnen konnte - Warum eigentlich ist die Hoffnung grün und nicht
blau oder gelb? – war die Nische, in der sich die Aufzüge befanden, erreicht.
Hier warteten schon eine ganze Reihe von Patienten und Besuchern auf die
nächste Mitfahrgelegenheit in die höher gelegenen Gefilde des Klinikums. Es
überraschte ihn, dass er nun keine vor Mitleid strotzenden Blicke erntete.
Stattdessen nahm er ärgerliche und feindliche Schwingungen wahr. Es gab keinen
Zweifel, die waren ziemlich stinkig auf ihn und machten keinen Hehl daraus.
Warum feindeten die ihn so offen an? Was hatte er denen Schreckliches angetan?
Die Antwort auf diese Fragen gab ihm einer der Sanitäter, indem er eine Art
elektronischen Schlüssel aus der Tasche zauberte und in eine Öffnung im
Bedienungspaneel des Aufzugs einschob. Kurz darauf verkündete eine
wohlklingende Frauenstimme aus versteckt angebrachten Lautsprechern, dass der
Aufzug für einen Krankentransport benötigt wurde. Patienten und Besucher mögen
den Aufzug bitte beim nächsten Halt verlassen. Unvermittelt wurde ihm klar,
dass er schwere Schuld auf sich geladen hatte. Ihm hatten es all die netten
Leute zu verdanken, dass sie länger auf ihre Bergfahrt warten mussten.
Unverschämterweise hatte er sich – wahrscheinlich unter Vorspielung einer
schlimmen Erkrankung – vorgepfuscht. Das machte man nicht.
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